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Unternehmen: Familienfreundlichkeit

von Nelly Theobald

Immer mehr Väter nehmen Elternzeit. Das geht aus Zahlen des Bundesfamilienministeriums hervor. Mittlerweile bleiben durchschnittlich 25 Prozent der Väter im ersten Jahr nach der Geburt ihres Kindes zu Hause. Allerdings gehen die meisten nur zwei Monate in Elternzeit. Dadurch verlängert sich die Zeit, in der Elterngeld gezahlt wird, auf 14 Monate. Das Elterngeld wurde in dieser Form Anfang 2007 eingeführt. Nur jeder vierte Vater, der sich für die Elternzeit entscheidet, nimmt mehr als drei Monate.

Väter fürchten um ihren Arbeitsplatz
Daran sei der deutsche Arbeitsmarkt nicht ganz unbeteiligt, erklärt Frank Meissner vom Projekt “Vereinbarkeit von Familie und Beruf stärken“ des DGB, dem Deutschen Gewerkschaftsbund. Blieben Väter über zwei Monate hinaus in Elternzeit oder versuchten auf Teilzeit zu reduzieren, kämen häufig alte Mechanismen zum Vorschein. Beschäftigte würden diskriminiert, Führungspositionen müssten abgegeben werden oder sie müssten ihre Karriere unterbrechen. Er sagt, Deutschland sei dreigeteilt: „In etwa einem Drittel der Betriebe und Verwaltungen herrschen gute Vereinbarkeitsbedingungen, in einem Fünftel sehr schlechte Bedingungen; und andere Betriebe bilden ein Mittelfeld mit Licht und viel Schatten.“

Bei der Frage, ob ein Vater im Unternehmen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf Gegenwind stößt, spielen für Matthias Lindner von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, zugleich stellvertretender Vorsitzender des Bundesforums Männer, drei Faktoren eine Rolle. Zum einen die Unternehmensgröße: Große Firmen hätten viele Angebote, die auch wahrgenommen würden. Schon die Betriebsräte setzten sich für das Thema ein. Bei kleinen mittelständischen Betrieben mit zehn oder 15 Mitarbeitern sei das schwieriger. Ein Vater in Elternzeit reiße dort eine große Lücke. Die Arbeit müsse ja von jemandem erledigt werden. Ein zweiter Faktor sei die Qualifikation, die Hierarchieebene, auf der ein Vater arbeite. „Je höher ein Vater qualifiziert ist, desto einfacher ist es, in Elternzeit zu gehen“, sagt Lindner. „Niedrig Qualifizierte würden einfach ersetzt.“ Ein letzter, nicht zu unterschätzender Faktor sei die Branche. Es gebe Bereiche, in denen gelinge die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wie zum Beispiel in der Pflege. In Branchen, in denen vor allem Männer arbeiteten, wie zum Beispiel der Stahlindustrie, fehle häufig das Verständnis von Kollegen und Vorgesetzten. „Dort herrscht oft ein viel größerer Gruppenzwang“, erklärt der Ver.di-Mann.

Im Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte setzen Firmen auf Familienfreundlichkeit
Doch Matthias Lindner sagt auch, dass sich in den vergangenen Jahren vieles zum Positiven gewendet habe. Die Unternehmen seien mehr und mehr im Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte und da spiele auch die Vereinbarkeit von Familie und Besuch eine große Rolle. Lindner warnt allerdings davor, dass die Familienfreundlichkeit oft nur nach außen kommuniziert, nach innen aber nicht umgesetzt werde.

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Unternehmen fördern speziell Väter
Ein Unternehmen, das mit einer guten Vereinbarkeit von Familie und Beruf wirbt, ist Tchibo. Die Firma wurde dafür auch ausgezeichnet. Dabei achtet das Unternehmen stets darauf, dass dies möglichst öffentlichkeitswirksam passiert. Das Zertifikat erhielt Tchibo durch die Hertie-Stiftung, unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Tchibo differenziert nicht zwischen Mann und Frau. Alle familienfreundlichen Regeln gelten für beide Geschlechter. Auch die Konrad-Adenauer-Stiftung wurde im Jahr 2010 für ihre Aktivitäten zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie zertifiziert. Die HSH Nordbank nimmt - neben anderen familienfreundlichen Modellen wie Home-Office-Möglichkeiten, Teilzeit und Informationsveranstaltungen für werdende Eltern - am „Väter Netzwerk“ teil. Dieses Netzwerk ist ein Angebot der Väter GmbH von Volker Baisch speziell für Väter. „Unternehmen können sich in das Netzwerk einkaufen, dann können Mitarbeiter Veranstaltungen rund um das Thema Vater und Kind besuchen“, erklärt der Geschäftsführer. Vom Workshop über Elternzeit bis zum Vater-Sohn-Wochenendtrip sei alles dabei. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass solche Angebote nicht wahrgenommen werden, wenn sie von Vereinen außerhalb des Betriebs angeboten werden, der Bedarf danach aber sehr hoch ist“, sagt Baisch. Warum die HSH Nordbank speziell Väter fördert? „Wichtig ist uns, dass Vater und Mutter gleichberechtigt sind. Aber Mütter werden schon seit Jahren zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf gefördert, bei Vätern gibt es da Nachholbedarf“, erklärt Sabine Kittner-Schürmann, Gleichstellungsbeauftragte der Bank. Auch dieses Unternehmen wurde von der Hertie-Stiftung als familienfreundlich ausgezeichnet. 2012 waren 86 männliche Mitarbeiter in Elternzeit, im Durchschnitt allerdings auch nur zweieinhalb Monate.

Elternzeit bringt Väter weiter
Dabei können gerade Männer noch eine Menge dazu lernen, wenn sie in Elternzeit gehen, findet Matthias Lindner von ver.di. „Sie erwerben Soft Skills, wenn sie sich um ein Kind kümmern. Das kommt auch den Unternehmen zugute. Außerdem schaffen familienfreundliche Strukturen eine höhere Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber. Oft sind die Arbeitnehmer produktiver, sie sind weniger häufig krank und arbeiten gerne für das Unternehmen, suchen sich also keine andere Arbeitsstelle.“





Lesen Sie im "ER"-Magazintext die Geschichte von Philipp Schulte. Er ist ein Jahr in Elternzeit. Er kümmert sich um seinen Sohn Karl Georg, während seine Frau als Managerin in einem Marktforschungsunternehmen arbeitet. Wie akzeptiert ist dieses Modell auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft?